
Kurt Palm
Die Besucher
Residenz Verlag, 24. Jänner 2012
276 Seiten, Hardcover; 21,90 Euro
ISBN: 978-3701715879
»1 Scheibe Leberkäse
1 Erdäpfelpüree
1 Bummerlsalat
1 Joghurtdressing
614 Kcal.
Er drehte den Zettel um und schrieb auf die Rückseite:
10. November: Mein neues Leben: Nie wieder Stille. Eine Horrorvorstellung. Gefangen im Labyrinth der Angst und des Erdäpfelpürees. Scheiße, Amen!«
Martin Koller, der Protagonist in Kurt Palms neuem Buch liegt nach einem Hörsturz im Krankenhaus. Als Auslöser der Krankheit vermuten die Ärzte ein „Burn-Out“. Durch die quälenden Ohrgeräusche, die scheinbar durch nichts beheilt werden können, fällt Martin in eine tiefe Depression. Noch im Spital verschreibt man ihm deshalb zusätzlich zu anderen Tabletten Antidepressiva und Tranquilizer. Die lange Liste der Nebenwirkungen scheint Martin Koller nicht zu beunruhigen:
»Impotent kann ich nicht mehr werden, weil ich es schon bin, dachte Martin niedergeschlagen und er überlegte, ob er sich diese Medikamente überhaupt besorgen sollte.›Ach, scheiß drauf, ist ohnehin alles egal‹, murmelte er, bevor er die Wohnung verließ.«
Im Internet versucht er Klarheit über seine Beschwerden zu erlangen, doch die Einträge in diversen Selbsthilfeforen lassen machen ihn noch ängstlicher, denn sie lassen den Schluss zu, hilfe gäbe es für ihn nicht. Nach der Lektüre hat Martin vielmehr das Gefühl in einer dunklen Sackgasse gelandet zu sein.
Aber nicht nur sein Gesundheitszustand bereitet ihm Sorgen, auch alles andere in seinem Leben scheint auseinanderzubröckeln, alles, was er sich aufgebaut hatte, in sich zusammen zu fallen.
Seine Frau Paula (die sich in einem anderen Leben Dora nennt) überfordert ihn mit ihrem plötzlichen Kinderwunsch. Gerade jetzt, wo sein bestes Stück sich weigert, seinen Dienst zu tun, auch wenn er an seine Geliebte Sandra denkt. Sein verschrumpelter Pimmel unter der Bettdecke steht stellvertretden für alle unerledigten Angelgenheiten in seinem Leben, das ihm immer mehr entgleitet.
Chefredakteur Katzinger scheint geheime Pläne gegen ihn zu schmieden. Gerüchte über Martins angeblicher Entlassung machen in der Redaktion die Runde.
Und da ist noch Walter Kelp, ein ehemaliger Schulfreund, der in die Naziszene abgerutscht ist und mit einem Brandanschlag auf ein Asylantenheim im achten Wiener Gemeindebezirk in Verbindung gebracht wird und Martin per Mail kontaktiert.
Und just während all dies passiert, bekommt seine Schwester eine Kur bewilligt. Martin soll für wenige Tage ihre Stelle einnehmen und die schwerkranke Mutter pflegen und betreuen.
Widerwillig fährt Martin nach Schwarzmoos, der Stätte seiner Kindheit. Das Leiden seiner Mutter, gepaart mit seiner eigenen Hilflosigkeit, führt zu noch mehr diffusen Ängsten.
Aus Befürchtung seine Mutter würde zuviele Medikamente nehmen, trifft er sich mit Manuela, einer Ärztin in der Nachbarschaft, die vor Jahren durch einen Unfall ihren Sohn verloren hat und seitdem wie ein blasses Abziehbild ihrer selbst durch das Leben geht. Martin, der sich vorsorglich ein potenzsteigerndes Mittel bei einem ungarischen Urologen besorgt hat, schläft mit ihr, was für beide Seiten in einen unbefriedigenden Akt mündet. Ein zweiter Versuch unterstreicht Martins Dilemma noch.
Als er nach dieser Schmach nach Hause kommt sind ›sie‹ plötzlich da. Diese stummen Menschen in grauen Kitteln, Männer wie Frauen, die barfuss aus dem Nirgendwo, in seinen Garten und sein Haus eindringen. Alle tragen graue Decken unter dem Arm. Die, nach nassen Hunden, stinkenden Leute nehmen das Haus in Beschlag, wandeln herum, sehen sich um und schlafen auf ihren grauen Decken am Boden. Sei lassen sich nicht weg stossen, sie reden nicht mit Martin und er schafft es auch nicht ein Foto von ihnen zu machen.
Martin ertappt eine der weiblichen Gestalten dabei, wie sie seine Mutter umarmt und streichelt. Eine der Frauen trägt ein Tatoo auf ihrem Bauch und Martin erinnert sich daran, was Manuela ihm am Abend erzählt hat: Das Grauen hat gerade erst begonnen...
Kurt Palm hat 2011 mit seiner grotesken Krimisatire ›Bad Fucking‹ einen Geniestreich hingelegt und den Fiedrich-Glauserpreis dafür erhalten. Die Latte für den zweiten Roman lag also sehr hoch. Der Autor hat sich somit für das einzig Richtige entschieden, nämlich keinen zweiten Krimi nach zu legen, sondern sich in einem ganz anderen Genre zu versuchen.
›Die Besucher‹ ist eine Art Sci-Fi - Horrorthriller, bei dem die Grenzen verschwimmen.
Wer, wie ich, ein großer Fan von David Lynch ist, kommt hier voll auf seine Kosten. Erzählstränge werden begonnen und lose miteinander verknüpft. Offene Enden und Erzähllöcher, die den Leser zum Reflektieren und Nachdenken zwingen, sind ebenso vorhanden.
Im Roman ist die Stimmung durchwegs dunkel und düster, was dadurch verstärkt wird, dass es die ganze Zeit regnet und sich seltsame Dinge ereignen, die scheinbar in keinem Zusammenhang zueinander stehen: Krähen fallen tot vom Himmel auf den Asphalt; aus der Pathologie im Krankenhaus verschwindet die Leiche einer Frau, der nicht nur die Reproduktionsorgane fehlen, sondern auch die beiden Amygdalae; in einer Schachtel auf dem Dachboden findet Martin mysteriöse Fotos und Babykleidung. Später taucht noch ein (Kinder)knochen als Fundstück auf. Und dazwischen immer wieder das Zischen und Brausen in Martins Ohr, das ihm den Verstand und den Schlaf raubt und ihn sogar an Selbstmord denken lässt.
Der Roman beschäftigt sich vorrangig mit dem Tod und dem Leben in all seinen Facetten. Denn während Martins Mutter stirbt, entsteht in der Ärztin neues Leben, von Martin gezeugt. Der Kreislauf des Lebens wird hier genauso beschrieben, wie auch die Angst vor Krankheit und Tod, die einen derart einnehmen können, dass man in den Wahnsinn abgleitet und nur eine Sehnsucht hat, — die nach Stille und Frieden.
Die Angst Martins ist allgegenwertig und deutlich zu spüren, nicht nur vor den Besuchern, vor dem Tod der Mutter, der Krankheit und den Geräuschen in seinem Ohr, sondern auch die Angst vor Impotenz, beruflichem Versagen und dem Verlassen werden. Martin Koller vermeidet es allerdings über seine Ängste zu sprechen, vielleicht weil er sich ohnehin schon entmannt genug fühlt.
Wer sind die Besucher?
Sind es Außerirdische?
Geister?
Wahnsinnige, die aus einer Anstalt geflohen sind?
Mir persönlich kommen die grauen Gestalten wie bizarre Todesengel vor, da sie verschwinden als Martins Mutter endgültig ihren letzten Atemzug macht.
Die Interpretation überlässt Palm den Lesern, einer endgültigen Antwort entzieht sich der Autor und hinterlässt sicher manchen Leser ratlos.
Genauso wie auch das Ende verschiedene Betrachtungsweisen und Interpretationen erlaubt.
„Die Besucher“ ist ein flüssig zu lesender Roman der noch lange nachhallt. Er zeigt menschliche Grenzen auf und thematisiert die Verbindung zwischen dem Körper und der Psyche.
Kurt Palm schreibt in einer klaren schnörkellosen, zeitweise derben Sprache, — diesmal frei von jeglichem Humor. Geschehnisse gleiten manchmal ins Banale ab, was vom Autor sicher gewollt ist, da der Protagnonist sich gerade durch die Banalitäten des Alltags, wie die Zusammensetzung von Staubflusen, von seinem Leiden abzulenken versucht.
Auch mit diesem Buch wird Kurt Palm die Leserschaft, sowie die Kritiker spalten.
Trotzdem lässt sich nicht daran rütteln, dass Palm es versteht Spannung aufzubauen und hier einen Roman vorlegt, der darauf abzielt den Leser genauso um den Schlaf zu bringen, wie seinen Protagonisten.
Fazit: Sehr lesenswerter Roman, für alle Liebhaber von Mystery, Horror, Sci-Fi-Romanen und Fans von experimentellen Filmen á la David Lynch.
Leser und Kritiker dürfen gespannt sein, womit Kurt Palm sie als nächstes überrascht. (©J.B.Wind 2012)
(Cover mit freundlicher Genehmigung des Residenz Verlags)